Neriman Bayram im Interview

Neriman Bayram, geboren in der Türkei und aufgewachsen in Sindelfingen, studierte Soziologie und Islamwissenschaft und ist seit 2016 künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Kommunalen Kinos in Freiburg. Seit 2024 ist sie Mitglied der Jury des NRW-Wettbewerbs der Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. Mit Studierenden der Hochschule Niederrhein spricht sie über kommunales Kino, die Wichtigkeit von Diversität und Vielfalt und ihre Erfahrungen als Jurymitglied.

Studierende: Wir haben festgestellt, Freiburg hat ein Kommunales Kino, und Mönchengladbach, wo wir studieren, hat das nicht. Wir haben uns gefragt, was Städte brauchen, damit so ein kommunales Kino funktioniert?

Neriman Bayram: Das Kommunale Kino in Freiburg entstand 1972 und es war eine linke Kulturbewegung, alternative Kulturbewegung, die das Kommunale Kino gegründet hat. Also meine Vorgängerinnen und wir haben von der Stadt und vom Land nach einigen Jahren Förderung bekommen. Und von daher ist jede Initiative in Städten, die ein Kino gründen möchte – ein nicht kommerzielles Kino – muss an die Stadt herantreten. Und auch an das Land und Konzepte vorlegen und ich finde es auch sehr wichtig. Also für die filmkulturelle Bildung sind kommunale Kinos, ja, stehen auf Platz 1, würde ich sagen. Und von daher ist es sehr wichtig, neben einem Museum oder Theater auch ein kommunales Kino oder auch ein Filmmuseum in den Städten zu haben.

Studierende: Könntest du uns etwas über deine Biografie erzählen?

Neriman Bayram: Ja, ich bin mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Ich bin in der Türkei geboren, bin mit meiner Mutter gekommen. Mein Vater war schon da. Ich komme aus einer klassischen sogenannten „Gastarbeiterfamilie“ und bin in Sindelfingen aufgewachsen. Und in Sindelfingen wurden jeden Nachmittag türkische Filme gezeigt, analoge Filme, die kamen direkt aus Istanbul. Natürlich in der Originalsprache und wir sind jeden Sonntagnachmittag in das Kino gegangen. Und es war ein sehr gemischtes Publikum, also gemischt auch von der türkischen Community. Es waren Aleviten, Kurdinnen, Sunniten, also es war gemischt linke, rechte Türken und haben den Film gemeinsam gesehen. Und da begann meine erste filmische Sozialisation.

Vielfalt ist für uns eigentlich selbstverständlich

Studierende: Wir haben uns gefragt, wie du die Entwicklung von Diversität und Vielfalt in den letzten Jahren im modernen Kino empfunden hast. Spielt dieses Thema in deiner Arbeit eine Rolle spielt?

Neriman Bayram: Ja, also ich habe 2000 im kommunalen Kino angefangen. Also ich habe Soziologie und Islamwissenschaft studiert und habe das kommunale Kino für mich entdeckt, weil ich auch cineastisch sehr interessiert bin. Meine erste Filmreihe war eine taiwanesische Retrospektive. Und danach habe ich deutsch-türkisches Filmen auch gezeigt und Filmemacherinnen – also in den 2000er Jahren kam ja auch die zweite Generation, wurde sehr präsent in der Filmlandschaft, die zweite Generation von deutsch-türkischen Filmemacherinnen – und habe sie nach Freiburg eingeladen. Und die Freiburger und Freiburgerinnen waren ganz erstaunt, weil das war eine Kultur, die es nur in den Großstädten bisher gab. Und Vielfalt, Diversität war schon immer mein Thema.

Also ich habe damit angefangen und es sehr ausgeweitet. Also seit über 30 Jahren kooperieren wir mit selbstorganisierten Migrantinnenorganisationen und haben sehr viele Projekte, wo die Kooperationspartnerinnen auch mitbestimmen. Also das heißt nicht, dass wir dann Programme für sie kuratieren, sondern die Menschen entscheiden über die Programme und auch über die Themen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Und für uns ist es auch wichtig, dass wir Räume zur Verfügung stellen. Räume zur Verfügung stellen, dass die Menschen ihre Themen dann auch öffentlich machen können, sichtbar werden und dass auch die marginalisierten Stimmen – also nicht nur von Migrantinnen, sondern auch von Menschen mit Behinderung zum Beispiel – sichtbar werden.

Also wir haben jetzt seit zwei Jahren eine Kooperation mit der ABC-Behindertengruppe und die wählen alle drei Monate einen Film aus und präsentieren den Film. Und haben dann die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Leuten in Kontakt zu kommen und auch den Raum zu haben, zu erzählen, warum dieser Film für sie jetzt wichtig ist. Zuletzt haben wir einen iranischen Film gezeigt, die Farben des Paradieses – mit der ABC-Behindertengruppe – und es sind auch Menschen, die zum Teil auch nichts darüber erzählen wollen, aber einfach zeigen wollen, dass sie diesen Film auch ausgewählt haben, die vor dem Publikum stehen und einfach zum Ausdruck bringen: Wir sind da und wir möchten mit diesem Film euch etwas erzählen.

Studierende: Also würdest Du sagen, dass da noch eine ganz, ganz hohe Relevanz da ist, das Thema Diversität und Vielfalt und dass das nicht enden wird irgendwann, sondern dass das ein Thema ist, was dich immer begleiten wird in deiner Arbeit?

Neriman Bayram: Ja, also wenn man jetzt auch die politische Situation bedenkt… [lacht]. Ja, das wird unsere Arbeit auf jeden Fall begleiten. Wir zeigen internationale Filme auch, also immer auch in Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Also jetzt haben wir auch zum Beispiel „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ im Programm. Also wir beschäftigen uns auch sehr mit Kolonialismus und wir haben jetzt bald auch einen Film über Frantz Fanon. Also ich beschäftige mich auch seit Jahren auch mit dem afrikanischen Raum, mit dem arabischen Raum. Also Vielfalt ist für uns eigentlich selbstverständlich.

Studierende: Wie ist das überhaupt, in so einer Jury zu arbeiten? Wie sieht da so ein Entscheidungsprozess aus?

Neriman Bayram: Also was wir machen ist, dass wir gemeinsam die Filme anschauen. Also wir sitzen dann auch immer zusammen und das ist auch immer spannend, weil ich finde ja, im Kino zusammen zu sitzen und zusammen den Film anzuschauen, hat was ganz Besonderes. Also man merkt dann auch, wie der- oder diejenige auf die Filme reagiert. Und danach gehen wir zusammen raus und machen eine kurze Diskussion. Aber die längere Diskussion, da treffen wir uns mit Zeit und reden über alle Filme, die wir gesehen haben, einzeln. Also es wird jetzt nicht gleich gesagt, der Film kommt überhaupt nicht in Frage, sondern jeder Film wird gemeinsam diskutiert und auch wertgeschätzt. Wirklich alle Filme, die gezeigt werden.

Also es steckt auch sehr viel Arbeit dahinter. Und es macht eine sehr große Freude, muss ich auch sagen. Also auch konzentriert die Filme anzuschauen und danach mit den Kolleginnen auch zu diskutieren, weil jede von uns hat einen ganz anderen Background, hat ein ganz anderes Sehen und das ist für den Austausch, finde ich, für mich sehr bereichernd.

Die künstlerische Handschrift muss sichtbar werden, so wie die eigene Stimme […] und auch die Kreativität.

Studierende: Gibt es bestimmte Kategorien oder Kriterien, mit denen ihr den Film oder die Filme bewertet?

Neriman Bayram: Also die künstlerische Handschrift muss sichtbar werden, so wie die eigene Stimme, würde ich sagen, und auch die Kreativität. Also es ist irrelevant, ob der Film in Cannes zum Beispiel gezeigt wurde oder ob die Filmemacherin eine lange Biografie hatte, das ist irrelevant. Ich schaue mir dann auch die Biografien gar nicht an, sondern ich schaue mir den Film an, ohne zu wissen, wo und wie und genau.

Studierende: Und hattest du oder hast du schon Highlights hier auf dem Festival für dich gesehen oder vielleicht auch Begegnungen?

Neriman Bayram: Gertrud Koch zum Beispiel habe ich bei einer Podiumsdiskussion erlebt und sie ist einer meiner Heroes, muss ich sagen. Und ich habe danach kurz mit ihr gesprochen und sie nach Freiburg eingeladen und sie will auch kommen [lacht]. Also Gertrud Koch ist ja eine Filmwissenschaftlerin und sie hat ja auch die Zeitschrift Frauen und Film herausgegeben. Ich schätze sehr ihre Aufsätze auch und das war für mich ein Highlight. Aber es gibt auch noch ganz viele andere Highlights, also ganz viele Filme, die ich gesehen habe. Ja, ich könnte sehr viel aufzählen, aber von der Begegnung her sage ich mal Gertrud Koch.

Studierende: Ja, wir können glaube ich auch alle hier sagen, dass so viele Eindrücke in einem Filmfestival irgendwie auf einen einprasseln und man auch Zeit braucht, das zu verarbeiten und wirklich dann erst im Nachhinein versteht, was man da gesehen hat und was für tolle Begegnungen das waren. Vielen Dank.

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